Das Humane unbesiegbar machen! Das Humane unbesiegbar machen!

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21.06.2010

Die Mosaikschule Peitz (bei Cottbus, Brandenburg) hat ein in der Bundesrepublik einmaliges pädagogisches Projekt auf die Beine gestellt: Kinder mit den dunkelsten Tatsachen der Deutschen Geschichte vertraut zu machen: der Shoa. Auf ihrer Projektreise nach Theresienstadt näherten sich die Schülerinnen und Schüler des 6. Jahrganges dem Leben jüdischer Kinder in der Zeit des Ghettos, versetzten sich in deren Leid, Hoffnung und Mut. Aus dieser Auseinandersetzung ging eine Austellung hervor, zu der Wolfgang Neskovic, MdB das Grußwort hielt.


Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern und Lehrer, liebe Gäste,  

als Politiker besuche ich viele Veranstaltungen der  unterschiedlichsten Art. Ich höre vielen Reden zu und halte auch nicht wenige.

Der heutige Abend ist aber ein besonderer Art.

Dass sich Kinder intensiv mit der Shoa, dem Holocaust beschäftigen, dürfte in der Bundesrepublik ein einmaliges Experiment sein.

Die Mosaikschule Peitz geht hier mit ihren Schülerinnen und Schülern in der erzieherischen Praxis einen besonderen Weg.

In der Theorie zwar gibt es diesen Weg schon länger. Es war aber eine Mutfrage, ihn in die Wirklichkeit zu übersetzen.  

Erziehungswissenschaftler und Politiker haben heiß diskutiert, wann der Mensch alt genug ist, dem dunkelsten Teil der deutschen Vergangenheit zu begegnen.

Einige haben auf die seelischen Schäden verwiesen, die Kinder von dieser Auseinandersetzung angeblich davontragen könnten. Andere fanden, die Heranführung könne nicht früh genug beginnen. Die Diskussion blieb Jahrzehnte lang in Ost und West ohne Folgen für die Schulen.
Ich weiß, dass man in der DDR im Rahmen der Jugendweihe, im Alter von 13 oder 14 Jahren üblicherweise die Gedenkstätte eines Konzentrationslagers besuchte. In manchen Bundesländern des Westens verlegte man die intensivere Beschäftigung mit der Shoa gar in die Abiturstufe.

Doch beiden Ansätzen war gemeinsam, dass es sich konzeptionell um einen ganz üblichen Geschichtsunterricht handelte.

Das dunkelste deutsche Kapitel wurde im Prinzip nicht anders behandelt, als die drei Reichseinigungskriege, der Gang nach Canossa  oder die Schlacht im Teuteburger Wald.

Ich bin kein Pädagoge.

Ich bin Jurist und war lange Zeit Strafrichter.

Aber als Richter habe ich die Erfahrung gemacht, dass es kein vernünftiges Urteil geben kann ohne das Einfühlen in die Motive des Täters und die Leiden der Opfer.
Erst die Empathie, also das Einfühlungsvermögen ermöglicht es, den Hergang eines Geschehens zu begreifen.

Erst dadurch wird Geschichte für Menschen erlebbar.
Erst das Erleben der Geschichte lässt uns aus ihr lernen.

Pädagogen und Philosophen kamen daher zu der Schlussfolgerung, dass eine andere, eine am Einfühlungsvermögen orientierte Vermittlung der Shoa möglich sein müsste.

Diese Auseinandersetzung müsse in der Kindheit des Menschen stattfinden, wenn sie nachhaltig sein soll.

Doch wofür?

Warum ist es in diesem neuen Jahrtausend überhaupt so wichtig, diese Auseinandersetzung mit den Ereignissen von vor über siebzig Jahren zu betreiben?

Es ist die Geschichte selbst, die diese Frage beantwortet.

Ich möchte versuchen, diese Geschichte so erzählen, wie es die Pädagogen dieser Schule vorgemacht haben.

Dabei wende ich mich besonders an Euch – die Kinder.

(***)


Im Frühling des Jahres 1945, am 8. Mai endete der 2. Weltkrieg. Ein Krieg, den Deutschland fast in die ganze Welt, vor allem aber nach Europa getragen hatte, war endlich vorbei.

Die Schüsse hörten auf. Es gab keine Granateinschläge mehr. Es fielen keine Bomben mehr. Das Dröhnen der rollenden Panzer verebbte.

Nach all dem Morden und Schlachten war es überall leise geworden. Menschen, die das erlebt haben, haben oft erzählt, wie seltsam ihnen es vorkam.

Es soll ein sehr schöner Frühling gewesen sein. Mit einem warmen Mai. Die Sonne schien auf die zerstörten Städte.

Sie schien über einer ruhigen Welt, die Unfassbares erlebt hatte. Genau deswegen war die Ruhe so seltsam.

Der deutsche Faschismus hatte 55 Millionen Menschen das Leben gekostet. Sie starben in den Arbeitslagern der Nazis. Sie wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Sie fielen an den Fronten des Krieges, den Deutschland in die Welt getragen hatte.

Und jetzt war es ganz sonnig und ruhig.

55 Millionen Menschen, die vorher gelebt, gelacht und gehofft hatten, waren nun nicht mehr.

Wenn sie alle hätten schreien können, dann hätte es keine Ruhe gegeben, sondern einen entsetzlichen Lärm.

In diesem Mai 1945 hatten die Deutschen nicht einfach nur den Krieg verloren. Das Volk der Deutschen, unser Volk, hatte furchtbare Schuld auf sich geladen.

Es hatte im Jahre 1933 Hitler zum Reichskanzler gewählt.

Adolf Hitler hatte seine politischen Ansichten nie verborgen. Sein politisches Mordprogramm – Das Buch „Mein Kampf“ - enthielt zwei Hauptpunkte.
Erstens wollte er einen Krieg mit dem Osten Europas beginnen – und mit jedem anderen, der ihn daran hindern wollte.

Zweitens wollte er die jüdischen Menschen in Europa töten.

Die Deutschen sahen zu, als man die jüdischen Mitbürger wie Vieh zusammentrieb. Wie man sie erst in Ghettos und später in Vernichtungslagern einsperrte.

Nicht wenige Deutsche hatten dabei mitgemacht, viele Deutsche haben auch geklatscht. Andere hatten geschwiegen und es zumindest geduldet. Fast jeder wusste von den Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Züge fuhren voller Menschen dorthin und kehrten ganz leer zurück.

Dennoch feierte das Volk der Deutschen ihre Nazi-Führung und deren Führer.

Eine ganze Generation der Jugend impfte er mit seinen Lügen.

Hättet ihr damals gelebt, dann hätte man euch erzählt, dass ihr dazu bestimmt seid, Europa und irgendwann die Welt zu beherrschen.

Man hätte euch „gelehrt“, dass ihr von besonderem Blut seid.

Nicht etwa eure Leistungen, eure Ideen, eure menschlichen Qualitäten machten euch wertvoll…. nein: sie hätten euch gesagt: Es ist euer Blut und andere Volksgruppen seien minderwertig.

Eure jüdischen Mitschüler wären plötzlich verschwunden gewesen.

Sie hätten euch gesagt: Das Volk der Juden, das seit Jahrtausenden friedlich unter den Völkern Europas lebte, sei der Feind aller anderen Völker und müsse getötet werden.

Man hämmerte den Menschen damals ein, dass Mitgefühl Schwäche sei. Hass sei eine Tugend. Zweifel sei eine Krankheit. Der deutsche Mensch müsse wie aus Stahl sein, mit einem ledernen Herzen und einem leeren Kopf.

Die faschistische Propaganda legte sich wie ein schwarzer Schleier auf die Seelen der Deutschen.

Eine ganze Generation wurde darin unterrichtet, Menschen zu hassen und zu quälen und zu töten, die ihnen nicht das Geringste getan hatten.  

Überall wo deutsche Militärstiefel fremdes Land betraten, begannen die Zwangsarbeit,  die Massenerschießungen, die Vergasungen, die systematische Tötungen.

6 Millionen jüdische Menschen wurden in Deutschland und den eroberten Gebieten Europas ermordet.
Schon immer hatten die Juden von ihren Mitmenschen Ablehnung und Verfolgung erlitten. Die Nazis haben den Hass auf die Juden nicht erfunden.

Doch der deutsche Faschismus erfand das Morden in einer neuen Form.

Er passte es dem Maschinenzeitalter an.

Die Nazis töteten industriell, mit Fabriken.

Sie fertigten den Tod an wie Autos oder Konservendosen.

Die Lager, Gaskammern und Verbrennungsöfen und Schornsteine – das waren die Fertigungsstrecken auf den man vom Leben in die Unsichtbarkeit befördert wurde.

Wenn wir heute nachdenken über diese Industrie des Tötens, so beginnt sich unser Verstand zu sträuben.

Als müsse sich der Verstand davor beschützen, zu begreifen, was ihn verletzen würde.

(***)


Die Ruhe des warmen Mai 1945 musste eine unwirkliche sein. Die warme Sonne musste unwirklich erscheinen.

Denn sie schien nach Europas und Deutschlands dunkelster Zeit.

Von der Philosophin Hannah Arendt ist der Satz überliefert, es könne keine Philosophie mehr nach der Shoa geben. Auch vom Philosophen Adorno berichtet man, dass er sich voller Ernst fragte, ob er nun überhaupt noch über die großen Fragen der Menschheit nachdenken darf.

Durfte man einfach weiter nachdenken über den Sinn des menschlichen Daseins? Über den Ursprung des Menschen. Seine mögliche Zukunft. Über das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit. Über den Zusammenhang von Geschichte und Psychologie. Über das Verhältnis von Wirtschaft und Politik. Über die Beziehung von Moral und Recht.

War das nicht alles unwesentlich geworden in der trügerischen Ruhe des Jahre 1945? Gab es nicht zwei Fragen, die viel entscheidender waren und unbedingt zuerst beantwortet werden mussten:

Wie konnte ES geschehen?
Wie lässt sich sicherstellen, dass ES sich niemals wiederholt?

Doch als die Deutschen in jenem warmen Mai 1945 daran gingen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, beantworteten sie diese Frage nicht.

Sie fragten, wie sie überleben konnten. Sie verdrängten das Geschehene. Sie begruben mit ihren Toten auch ihre Schuld. Sie beklagten vor allem ihr eigenes Schicksal. Sie vergaßen allmählich ihre eigene Verantwortung.

 (***)


Doch diese seltsame Ruhe aus der Nachkriegszeit legte sich nie ganz.

Wie konnte ES geschehen? Wie kann man verhindern, dass „ES“ sich wiederholt?

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts protestierte in der Bundesrepublik die Jugend gegen die Erwachsenen. Die Studenten verließen die Universitäten und gingen auf die Straße. Demonstrationen nie gekannter Größe schwollen an. Die jungen Leute begannen zu sprechen, wovon die Erwachsenen schwiegen.

Sie sprachen von den Lügen der Nazis. Von der Erziehung zu Hass und falscher Härte. Sie sprachen von den Lagern. Sie konfrontierten die Erwachsenen mit der Shoa und mit den sechs Millionen ermordeter Juden.

Sie wollten wissen, warum das geschehen konnte. Sie wollten eine Antwort. Sie wollten diese Antwort auch, weil sie verhindern wollten, dass es wieder geschieht.

Es gab viele Versuche einer Antwort. Hochschulprofessoren mühten sich, Philosophen, Wissenschaftler der Politik und Gelehrte der Wirtschaft.

Aber man fand keine eindeutige Antwort.

Niemanden gelang es, zu erklären, wie das Volk der Deutschen zu Mördern, Handlangern und Duldern des Mordens werden konnte.

Ausgerechnet ein Philosoph, ein Wissenschaftler des Theoretischen,  gab aber eine ganz praktische, ganz lebensnahe Antwort.

Ich hatte ihn schon erwähnt: Adorno.

Adorno wusste, dass sich die Seele des Menschen in der Kindheit formt.

Wenn der Mensch jung ist, dann ist nichts selbstverständlich und alles eine Frage wert. Je älter der Mensch wird, umso fester werden seine Meinungen und Überzeugungen. Wenn ein Mensch jung ist, dann formt sich auch seine Gefühlswelt.

Man kann einem Kind Hass und Gewalt in die Seele zwingen. Das haben die Nazis getan.

Man kann einem Kind Menschlichkeit und Mut in sein Herz legen. Solche Kinder lassen sich später nicht zu Mördern machen. Sie werden den Mördern aber als Erwachsene in den Arm fallen, sie aufhalten.

Was Adorno forderte, ist mit kurzen Worten kaum wiederzugeben. Sicher kennt ihr das Wort „human“. Vielleicht habt ihr das Wort „Humanität“ schon einmal gehört oder das Wort „Humanist“

Hinter diesem Wort steckt eine Idee von einem Menschen mit einer bestimmten Lebenshaltung. Ein Humanist ist ein Mensch, der die Lust am Leben im Herzen trägt. Er liebt das Leben und er achtet andere Menschen und ihre Interessen.

Er verteidigt das Leben der Menschen, wenn es bedroht ist. Er weigert sich zu hassen, was er nicht versteht. Wenn ein Humanist etwas nicht versteht, dann will er es eben kennen- und verstehen lernen.

Der Philosoph Adorno hat seine Gedanken zu Erziehung von Kindern in lange, schwierige Sätze gebracht.

Aber was er sagen wollte, ist eigentlich ganz einfach:
Man muss das Humane im Menschen unbesiegbar machen.

Wenn das gelingt, dann gibt es keine Vertreibungen mehr, keine Ghettos, und keine Massenmorde mehr.

Das Humane im Menschen muss in seiner Kindheit stark gemacht werden, damit es im Erwachsen unbesiegbar sein wird.
Doch die Erwachsenen halten Kinder oft für schwach. Sie wollen Kinder vor bösen Tatsachen und bösen Ideen beschützen. Kinder sollen in einer heilen Welt groß werden.

Doch die Welt ist gar nicht heil. Sie kann nur heilen, wenn wir das Humane in uns unbesiegbar machen.

Deswegen seid ihr mit Euren Lehrern und Eltern nach Theresienstadt gefahren. Deswegen hat man nicht gesagt, ihr seid noch zu jung, um über die Verbrechen der Nazis dort zu erfahren.

Man hat nicht gesagt, ihr seid zu jung, weil ihr nicht zu jung seid! Das habt ihr auch bewiesen. Auch eure Arbeiten in diesem Raum beweisen es.

Ihr habt versucht, euch hineinzuversetzen in das Schicksal der Kinder von Theresienstadt. Ihr habt ihre Angst gespürt. Ihr habt ihre Hoffnung nacherlebt. Ihr habt auch den Hass und die Wut der Nazis kennengelernt.

Und man muss euch nichts vormachen: Ihr wisst, wie das Leben der Kinder und Erwachsenen in Theresienstadt ausging. Nur ganz wenige haben überlebt. Die meisten hat man ermordet.

Als ihr die Tagebücher und Zeichnungen nachgestaltet habt, da ging es Euch vielleicht so, als seid ihr selbst im Ghetto gewesen. Vielleicht habt ihr schlechte Träume gehabt. Vielleicht habt ihr geweint. Ihr habt vielleicht Angst und Beklemmung gespürt. Und natürlich seid ihr froh, dass ihr in einer ganz anderen Zeit lebt.

Aber es ist noch etwas geschehen mit euch. Vielleicht bemerkt ihr es schon. Ihr unterscheidet euch jetzt von fast allen anderen Kindern der Bundesrepublik, die in eurem Alter sind. Ihr wisst jetzt, was sie erst in Jahren erfahren werden.

Ihr wisst, dass die Welt nicht nur einfach gut und schön ist. Sondern, dass es darauf ankommt, für das Gute zu kämpfen.

Und dieser Kampf beginnt immer in der eigenen Seele.

Als ihr getrauert habt um die Kinder des Ghettos, da ist euer Mitgefühl stark geworden. Als ihr deren Angst gespürt habt, da habt ihr euch vorgenommen, anderen keine Angst zu machen. Als ihr ihren Mut gesehen habt, da seid ihr selbst mutiger geworden.

Ihr habt begonnen, das Humane, das Menschliche in euch unbesiegbar zu machen.

Niemand weiß, was die Zukunft uns allen bringt.

Aber es beruhigt mich, dass es euch gibt, weil ihr so jung seid und doch schon einen so wichtigen Teil der Vergangenheit kennt.

Die alten Fragen sind noch immer nicht beantwortet.

Die Welt ist immer noch nicht sicher vor dem Hass und der Intoleranz.
Der Frieden ist nicht selbstverständlich.
Die Achtung vor dem Leben ist noch immer nicht oberstes Gebot auf unserer Welt.
Aber eine humane Welt ist nicht bloß ein Traum.

Diese humane Welt wird einmal von Erwachsenen gebaut werden, die natürlich vorher Kinder waren.

Kinder wie ihr – die der Vergangenheit nicht aus dem Weg gegangen sind.

Danke.