Die Kraft falscher GedankenDie Kraft falscher Gedanken

Erde vom Weltall aus
17.06.2010

(Lausitzer Rundschau, 17.06.2010)  Die Kraft falscher Gedanken beruht auf ihrer extremen Falschheit. Dieser Satz des Dichters und Philosophen Canetti beschreibt Dietmar Woidkes Artikel „Wo Energie zu Hause ist“, der unlängst in der RUNDSCHAU in der Reihe Debatte erschien. Der Fraktionsvorsitzende der SPD machte sich für die CCS-Technologie stark, bei der umweltschädliches Kohlendioxid (CO) in einem unsicheren und energieaufwendigen Prozess in den Erdboden eingebracht wird. Eine Woche später veröffentlichte die RUNDSCHAU eine Erwiderung des Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Axel Vogel. Der wies zu Recht darauf hin, dass CCS ein entbehrlicher Irrweg sei. Ziel der Politik müsse der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien sein.

Woidkes Plädoyer für die CO-Verpressung stützte sich im Wesentlichen auf drei Gedanken. Erstens sei CSS als neue Technologie unverzichtbar. Zweitens würde sie die internationale Zusammenarbeit fördern. Drittens schaffe CCS Arbeitsplätze. Alle drei Gedanken sind schön klingende, aber gefährliche Unwahrheiten. Ihre Überzeugungskraft beruht auf ihrer extremen Falschheit.

Niemand weiß, ob die CCS-Technologie überhaupt funktionieren wird. Auch gibt es keine Sicherheit über Art und Umfang der mit dieser Technologie verbundenen Risiken für Mensch und Natur. Bis beide Wissenslücken gefüllt sind, werden wir um viele Millionen Forschungsgelder ärmer und um einige Unglücksfälle reicher sein. So verlief der Weg der Erkenntnis regelmäßig bei bislang unbekannten Technologien. Erst der Umgang mit ihnen verschafft die nötigen Erfahrungen, um sie vielleicht einmal zu beherrschen. Nur die Energiekonzerne behaupten seit jeher das Gegenteil. Sie meinen stets, die Zukunft zu kennen, bevor sie sie kennen lernen. Das hat einfache Gründe. Die Risikoabschätzungen der Konzerne dienen nie dem Menschen und der Umwelt, sondern ausschließlich den eigenen Gewinninteressen. Atomkraftwerke galten einmal als umweltfreundlich und sicher. Die Ölplattformen im Meer waren so lange sicher, bis nun der Golf von Mexiko im schwarzen Gold ersäuft. Die radioaktive Endlagerung in der Asse hielt man in der Vergangenheit tatsächlich für eine gefahrlose Idee. Wenn in der Zukunft die ersten CCS-Lagerstätten Treibhausgase freisetzen, wird man auch diese Idee nachträglich verdammen.

Natürlich: Jede Technologie birgt Risiken. Ob ihr Einsatz dann dennoch zu wagen ist, entscheiden viele Faktoren. Die konkrete Höhe des Risikos spielt eine Rolle. Das Ausmaß des zu erwartenden Nutzens ebenso. Bei CCS kommt ein Weiteres hinzu: die Umstände der Zeit. Wir leben in einer ökologischen Krise. Aus dieser Krise helfen uns nur neue Technologien der Energieerzeugung. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag hält CCS für eine »neue Technologie«. Doch CCS ist ein lange angedachtes Verfahren, das die stein- bis uralte Technologie der Kohleverbrennung ökologisch rechtfertigen soll. Unter Einsatz von CCS würde genau dieselbe Menge Treibhausgas aus der Kohle entweichen wie ohne diesen Einsatz. Denn Kohlenoxyde sind nun einmal das Verbrennungsprodukt von Kohle. Das Gas würde nur nicht sofort in die Atmosphäre entweichen, sondern in einer Art Zeitmaschine unter der Erde schlummern. Das ist nicht die Lösung, sondern die Vertagung unserer ökologischen Probleme. Zwischenzeitlich würden weiter Kohle verbrannt, weiter Dörfer abgebaggert und weiter Menschen ihrer Heimat beraubt. Während die alten Kohlenkraftwerke weiterlaufen, würden es Wasser-, Sonnen- und Windkraftenergie am Markt immer noch schwer haben. Auch ihre Erforschung und Weiterentwicklung würden sich verlangsamen. Wir dürfen keine Technologie erforschen oder sogar anwenden, die es uns erlaubt, Treibhausgase zu verpressen. Wir müssen Energieerzeugungen erforschen und anwenden, die Treibhausgase schon gar nicht erzeugen. Doch dies werden Energiekonzerne wie Vattenfall erst einsehen, wenn ihnen keine Wahl mehr bleibt. CCS gibt ihnen die Wahl. Deswegen darf es die Politik nicht zur Wahl stellen. Brandenburg sollte sich gemeinsam mit allen anderen Bundesländern für ein Verbot dieser Technologie im Bereich der Energieerzeugung einsetzen - auch wenn die internationale Zusammenarbeit mit dem Heimatland Vattenfalls darunter leidet.

Herr Woidke hat vor, den Schweden die Verpressung von Treibhausgasen abzuschauen und in Brandenburg einzuführen. Für dieses Bestreben fand der SPD-Fraktionsvorsitzende in seinem Debattenbeitrag eine eigenartige Begründung. Er rechtfertigte sein Einknicken vor Vattenfall mit dem Gedanken einer deutsch-schwedischen Lerngemeinschaft. Weil Brandenburg in der Bundesrepublik Spitzenreiter bei den erneuerbaren Energien sei, könnten die Schweden viel von uns lernen. Im Gegenzug bringen uns die Schweden die Verpressung von CO bei, eine Technik, die sie jedoch in ihrem Land nicht einsetzen werden. Wenn Ökologie ein Lehrfach wäre, dann sähe Woidkes Nachhilfe idee in etwa so aus: Wir bringen den Schweden das Einsen-Schreiben bei, sie uns das Sitzenbleiben.

CCS schafft auch keine Arbeitsplätze. Es vernichtet sie. Denn der Arbeitsmarkt ist im Umbruch begriffen. Klassische Industriearbeit verlässt Mitteleuropa. Forschungs- und Dienstleistungsarbeit rückt nach. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Nur Herr Woidke hört nicht zu. Wer an einer Vollbeschäftigung in Brandenburgs Zukunft interessiert ist, der muss auf solche Arbeitsbereiche setzen, in denen geforscht, getestet und entwickelt wird.

Die Erzeugung alternativer Energien ist so ein Bereich. Brandenburgs Zukunft liegt im wissenschaftlich-technischen Know-how, nicht in der Kohle. Da liegt nur das Kapitalinteresse Vattenfalls. Deswegen müssen wir jetzt den sozial gerechten Ausstieg aus der Kohle beginnen. Das Programm ist einfach: Die heutigen Beschäftigten und ihre Familien erhalten sozialen Schutz und Übergangshilfen, Vattenfall klare Grenzen und Vorgaben, Brandenburgs Arbeitsmarkt eine Zukunft und die Umwelt endlich eine Atempause.

Wolfgang Neškovic