Neskovic über "Bruno": „Jedes Leiden von Tieren muss verhindert werden“
Lübecker Nachrichten, 6.12.2010: "Der Bundesrichter a.D. und linke Politiker spricht über das Gutachten zu Braunbär „Bruno“ und gibt Rot-Rot-Grün in Lübeck eine realistische Chance.
Lübecker Nachrichten: Wann haben Sie Braunbär „Bruno“ das letzte Mal besucht?
Wolfgang Neskovic: Ich habe mir vor Ort einen persönlichen Eindruck verschafft – vor knapp zwei Jahren. Dieser Besuch hat mein Verständnis für die Kritik der Tierschützer weiter befördert. Ich glaube, dass die beschlossene Abwicklung des Tierparkes sowohl für die Tiere als auch das Betreiberehepaar die beste Lösung ist.
LN: Seit wann kümmern Sie sich um das Wohl des Tieres? Bislang hatten Sie sich dazu noch nicht zu Wort gemeldet.
Neskovic: Allgemein bin ich Tieren sehr verbunden. Haustiere haben mich mein Leben lang begleitet. Ich bin auch Mitglied des Lübecker Tierschutzvereins. Vor diesem Hintergrund habe ich die Auseinandersetzungen aufmerksam verfolgt und dabei früher auch schon verschiedene Gespräche mit den Beteiligten – unter anderem mit dem ehemaligen CDU-Umweltsenator Thorsten Geißler – geführt.
LN: Die Expertin Diana Plange fordert, dass „Bruno“ eingeschläfert wird. Ist das Gutachten fundiert?
Neskovic: Dem Gutachten kommt eine besondere Bedeutung zu. Es kann ganz wesentlich zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Das Gutachten stammt von einer öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Tierschutz und Zootierhaltung. Gerade die öffentliche Vereidigung sichert in besonderer Weise die Objektivität der gutachterlichen Feststellungen. Ihr Beweiswert ist daher deutlich höher zu bewerten als die der Tierärzte der Hansestadt. Hinzu kommt, dass diese nicht auf Zootierhaltung spezialisiert sind.
LN: Aber diese Amtstierärzte kennen „Bruno“ seit Jahren.
Neskovic: Der Vorwurf geht dahin, dass, obwohl sie ihn kennen, sie ihre Pflicht zur Überwachung nicht ordnungsgemäß ausgeübt haben.
LN: Ist die Debatte um „Bruno“ nicht überbewertet? Es gibt etliche Tiere in Schlachthöfen, die ein viel schlechteres Leben haben dürften.
Neskovic: Diese Wertung teile ich nicht. Jedes Leiden von Tieren muss verhindert werden. Deswegen ist es wichtig, sich um jeden Einzelfall zu kümmern. Die Menge an Leid darf nicht zur Abstumpfung und zu einer Minderung des Engagements führen.
LN: Letztlich verantwortlich für „Bruno“ ist Innensenator Bernd Möller (Grüne). Seine Kandidatur für das Amt haben Sie scharf kritisiert. Legen Sie jetzt nach?
Neskovic: Nein. Herr Möller übt sein Amt erst seit kurzem aus. Er kann für die Versäumnisse der Vergangenheit nicht verantwortlich gemacht werden, sondern nur für sein gegenwärtiges Verhalten.
LN: Was meinen Sie damit? Jost-Dietrich Ort von der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht (DJGT) will strafrechtliche Ermittlungen prüfen. Das hat er in einem Schreiben an den Senator angekündigt.
Neskovic: Ich will mich nicht so sehr an der unbeholfenen Ausdrucksweise des Antwortschreibens stören. Entscheidend ist etwas Anderes: Das Schreiben ist zwar von Herrn Möller unterzeichnet. Es trägt jedoch das Diktatzeichen des Tierarztes, bei dem Herr Ort einen strafrechtlichen Anfangsverdacht als begründet ansieht. Es zeugt nicht von einer besonders professionellen Handhabung eines solchen Vorgangs, wenn der Senator den Eindruck erweckt, er überlasse es einem angegriffenen Mitarbeiter in eigener Sache unter dem Namen des dienstaufsichtsführenden Senators die Vorwürfe zurückzuweisen. Bei der Qualität der erhobenen Vorwürfe wäre jedenfalls eine gewissenhaftere Überprüfung zwingend erforderlich gewesen.
LN: Themenwechsel: Sie sind ein Verfechter von Rot-Rot-Grün. Da müssten Sie sich über die neue Kooperation in Lübeck freuen.
Neskovic: Selbstverständlich. Lübeck hat eine Politik verdient, die das Gemeinwohl in den Vordergrund rückt und nicht den Eigennutz bestimmter Interessengruppen. Das Bündnis hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Es hat damit über Lübecks Grenzen hinaus eine wichtige politische Bedeutung. Es kann sich zu einem bundesweiten Referenzprojekt für eine solche Zusammenarbeit entwickeln. Das sollten die beteiligten Partner für ihr zukünftiges Verhalten stets bedenken.
LN: Aber Rot-Rot-Grün macht keinen einzigen Sparvorschlag. Kann das ein Zukunftsbündnis sein?
Neskovic: Haushaltskonsolidierung ist kein Selbstzweck. Ich finde es daher richtig, dass das Bündnis den Schwerpunkt auf soziale Fragen legt. Die schwarz-gelben Regierungskoalitionen in Bund und Land dürfen die Kommunen nicht länger finanziell im Stich lassen. Sie müssen ihnen endlich ihre finanziellen Handlungsmöglichkeiten zurückgeben. Das wird in erster Linie nur über eine andere Verteilungspolitik möglich sein.
LN: Sie kennen sowohl die SPD als auch die Grünen wie jetzt die Linken aus der Innensicht. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Differenzen?
Neskovic: Es muss daran erinnert werden, dass es sich bei Linken und Grünen um Abspaltungen der Sozialdemokratie handelt. Vor diesem Hintergrund gibt es Differenzen, aber auch erhebliche Gemeinsamkeiten. Beispielsweise die gemeinsamen Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestlohn, nach Einführung einer Vermögenssteuer, einer Bankenabgabe sowie einer Bürgerversicherung, die Abschaffung von Studiengebühren, eine alternative Energie- und Umweltpolitik und so weiter. Unterschiedliche Auffassungen haben wir zum Beispiel bei der Rente mit 67, der Afghanistan-Politik und der Sicherungsverwahrung.
LN: Die CDU in Lübeck prophezeit das nahe Ende der neuen Kooperation. Was meinen Sie?
Neskovic: In der Psychologie gibt es das Phänomen der Projektion. Die CDU hat einige Erfahrungen, was das Scheitern von politischen Bündnissen betrifft. Das hat sich zuletzt in Hamburg, aber auch in Schleswig-Holstein gezeigt. Ich habe daher Verständnis, wenn die CDU aus ihrer eigenen Erfahrung mit gescheiterten Bündnissen anderen auch solche Erfahrungen an den Hals wünscht.
LN: Hat Rot-Rot-Grün in Lübeck eine Chance die Geschicke dauerhaft zu lenken?
Neskovic: Eine Chance, ja. Ich wünsche mir, dass sie auch erfolgreich genutzt wird."
Das Interview führte Josephine von Zastrow für die Lübecker Nachrichten. Es ist auch unter diesem Link nachlesbar.




