Selbst für Wunder sorgen!
Die Lebenshilfe Cottbus e.V. feierte Ende Juni ihr 20-jähriges Bestehen. Seit zwei Jahrzehnten setzt sie sich als Elternvereinigung, Fachverband und sozialer Dienstleister für Menschen mit Behinderungen und Familien mit besonderen Hilfebedarfen ein. Auf der Festveranstaltung zum Jubiläum würdigte Wolfgang Nešković, MdB die Arbeit der Lebenshilfe Cottbus e.V. in einem Grußwort.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Liebe Gäste,
vom amerikanischen Schriftsteller Frank Baum gibt es eine wunderbare Geschichte: „Der Zauberer von Oz.„
Vielen Menschen aus der ehemaligen DDR ist diese Geschichte bekannt. Der Russe Alexander Wolkow hat sie neu erzählt.
In seinem „Zauberer der Smaragdenstadt“ wird das Mädchen Elli aus Kansas in ein seltsames Land verschlagen.
In diesem Land sehen alle Menschen anders aus als Elli. Ihre Gesichter haben eine andere Form. Ihr Wuchs ist verschieden. Ihre Gestalt von anderer Art.
Niemand dort ist so wie das ganz normale Mädchen aus Kansas.
Elli fühlt sich sehr fremd an diesem Ort.
Sie will nach Hause.
Doch dazu braucht sie Hilfe.
Diese Hilfe bekommt sie von Freunden, wie sie besonderer nicht sein könnten.
Eine federleichte Vogelscheuche, die sie hilflos auf einem Pfahl findet.
Ein Mann aus Eisen, der in Rost erstarrt im Wald steht und sich nicht ohne Hilfe bewegen kann.
Ein sprechender, menschlicher Löwe, der zunächst voller Furcht vor Ellis kleinem Hund davon läuft.
Wir würden sagen, dass die kleine Elli ein ganz normales Mädchen ist. Doch wenn sie neben ihren Freunden durch die Geschichte geht, dann macht dieser Begriff des „Normalen“ keinen Sinn mehr. Vielleicht sind sie alle normal und Elli ist es nicht.
Der Strohmann, den sie trifft, hat kein Gehirn.
Der eiserne Holzfäller verfügt über kein Herz.
Der König der Tiere, der Löwe, ist mit einem entscheidenden Defekt auf die Welt gekommen. Er ist ein feiger Löwe.
Doch es sind diese Freunde mit ihren Handicaps, die Elli helfen, wieder nach Hause zu kommen.
Sie begleiten Elli durch viele Abenteuer.
Der Eisenmann ohne Herz gibt ihr Trost, wenn sie Angst hat.
Der Strohmann ohne Gehirn schenkt ihr Rat, wenn sie nicht weiter weiß.
Der feige Löwe beschützt sie, wenn sie in Gefahr ist.
Und Elli versichert den dreien immer wieder, wie klug, warmherzig und tapfer sie sind.
Alles ist anders im Wunderland.
Das Normale ist nicht normal.
Das Besondere ist das Normale.
Die Freunde aber wollen das Normale. Sie wollen es unbedingt.
Elli will einen Weg finden, zurück in ihre Normalität zu kehren – nach Hause, nach Kansas in Amerika.
Der Strohmann hat sich überlegt, dass er ein Gehirn benötigt, um endlich denken zu können.
Der Eisenmann fühlt, dass er ein Herz benötigt.
Und der Löwe scheut keine Gefahren, um endlich Mut zu erhalten.
Ihre Suche nach dem Normalen führt die Helden der Geschichte in eine große Stadt in der Mitte des Wunderlandes.
Dann treffen die Freunde einen weiteren ganz normalen Menschen.
Auch er ist einmal aus dem Land der Menschen in das Wunderland verschlagen worden.
Das ist der Zauberer (von Oz).
Er verspricht dem Strohmann ein Gehirn.
Dem Mann aus Eisen will er ein Herz geben.
Der Löwe soll von ihm Mut erhalten.
Doch der erwachsene Mann aus der Welt der Normalität ist nur ein Schwindler.
Er kann gar nicht vollbringen, was er verspricht. Er verteilt nur Symbolisches.
Dem Strohmann setzt er einen Säckchen aus grober Kleie und Stecknadeln in den Kopf.
Der Eisenmann erhält ein genähtes, gepolstertes Herz aus Samt in die Brust.
Dem Löwen gibt er ein Schälchen gewöhnlichen Baldrian zu trinken.
Keiner unserer Helden bekommt irgend etwas, das er nicht schon vorher hatte.
Der Strohmann war schon immer klug. Es ist nicht wichtig, dass er anders ist, als Menschen mit einem Gehirn. Es ist nicht wichtig, wie klug er tatsächlich ist.
Der Mann aus Eisen hatte auch ohne Herz schon immer die tiefsten Gefühle. Es ist nicht wichtig, woher er sie nahm. Er zählt nicht, ob andere mehr Gefühle haben.
Der Löwe war immer schon voller Mut. Er hatte ihn nicht aus Oz‘ Schüssel getrunken. Vielleicht war er nicht der allermutigste Löwe. Aber feige war nun auch nicht.
Elli schließlich lief durch die ganze Geschichte mit besonderen Schuhen. Sie hätte sie nur dreimal aneinander schlagen müssen und wäre sofort nach Hause gekommen. Sie wusste nur nichts davon.
Diese Schuhe trugen Elli durch Wälder und Steppen. Mit ihnen lief sie durch die grüne Stadt des Zauberers.
Sie bestand die furchtbarsten Gefahren in ihnen.
Hätten Elli und ihre Freunde gewusst, dass sie längst alles hatten, was sie wünschten, dann wären sie nie auf eine Reise gegangen.
Dann hätten sie aber auch nicht erfahren, dass sie alles hatten, was sie wünschten.
Denn erst die gemeinsame Reise zeigte ihnen, wer sie waren.
Dass sie gut sind, wie sie waren.
Dass sie sein durften, wie sie sind.
Dass ihnen Nichts fehlte, was sie sich nicht gegenseitig geben konnten.
Dass sie nur umgehen lernen mussten mit sich selbst.
Genau das haben sich Elli und ihre Freunde gegenseitig beigebracht.
Frank Baums und Wolkows Geschichte ist eine Parabel auf unsere Welt.
Es ist nicht das Normale was zählt.
Es ist immer das Besondere.
Jeder ist Besonders.
Jedem fehlt etwas.
Worauf es also ankommt, ist den Umgang mit sich selbst zu erlernen.
Eben dafür brauchen wir Menschen andere Menschen.
Sie helfen uns mit unseren Defiziten umzugehen.
Sie zeigen uns, wo unser Herz sitzt, wenn wir uns nicht fühlen können.
Dass wir klug sind, wenn wir uns für dumm halten.
Dass wir mutig sind, wenn wir uns mutlos fühlen.
Und wie wir heimkommen können - zu uns selbst.
(***)
Wir leben nicht in einem Wunderland.
In unserer Welt verläuft immer noch eine scharfe Grenze zwischen dem Normalen und dem nicht Normalen.
In unserer Welt werden Menschen mit Besonderheiten als schwierig empfunden und ausgegrenzt.
Diese Grenze wird aufrechterhalten durch Vorurteile.
Sie wird errichtet durch die Weigerung der Gesellschaft, Menschen mit körperlichen oder geistigen Schwierigkeiten anzunehmen.
In unserer Welt ist das Besondere schnell unnormal – und erfährt Ausgrenzung und Meidung.
Die Last des Umganges und der Pflege wird auf die Familien abgewälzt.
Die Kräfte von Familien sind begrenzt, wenn es darum geht, ihre alten oder behinderten Angehörigen zu erziehen und zu pflegen.
Die Politik weigert sich, die finanziellen Mittel bereit zu stellen, um echte Integration zu ermöglichen.
Dabei könnte unsere gesellschaftliche Wirklichkeit ganz anders aussehen.
Behinderte und Nicht-Behinderte, Gesunde und Kranke, Junge und Alte könnten gemeinsam leben und arbeiten.
Kinder mit und ohne Lernbehinderung könnten zusammen zur Schule gehen.
Sie könnten an einem Strang ziehen.
Wer den Mut dazu hat, kann sich ein Land vorstellen, in denen das selbstverständlich wäre.
Ein Land, in dem der Wert des Menschen nicht über dessen körperliche oder geistige Verfassung bestimmt und verglichen wird.
Ein Land, wo jeder Mensch die selbe Wertschätzung durch seine Mitmenschen erfährt – einfach weil er da ist.
Weil es ihn gibt. Den Menschen.
So einfach könnte das sein.
(***)
Wir leben in keinem Wunderland.
Aber Ihr Verein, die Lebenshilfe Cottbus ermöglicht seit zwanzig Jahren gesellschaftliche Teilhabe für Menschen, die Hilfe benötigen.
Sie gehen in die Familien.
Sie geben eine helfende Hand, wenn es um das Lernen geht.
Sie ermöglichen Erholung und Freizeit.
Sie kümmern sich um Kinder vor und nach der Schule.
Sie geben Kraft und Sie geben Rat.
Wenn Jemand mal nicht weiterkann, dann kommen Sie und richten ihn wieder auf.
Sie sorgen dafür, dass keiner im Stich gelassen wird.
Sie holen die Menschen aus dem Verborgenen in die Welt.
Sie tauschen Ihre Erfahrungen aus.
Wenn es kein Geld gibt, dann gehen Sie los und besorgen welches.
Sie lernen jeden Tag, wie es besser gelingen kann, besonderen Menschen ein normales Leben zu verschaffen.
Ihre Hilfe reicht von den ganz kleinen Dingen bis zu den ganz großen.
Wenn es darum geht, wie man ein Handy bedient, dann bieten sie dafür einen Kurs an.
Wenn Menschen ein selbständiges Leben wünschen, dann bemühen Sie sich, ein betreutes gemeinsames Wohnen zu ermöglichen.
All das was Sie tun, ergibt ein stimmiges Bild.
Aus alle dem entsteht ein großes Ganzes, meine ich.
Man kann es Fahrdienst nennen, Selbsthilfegruppe, Elternprogramme, Hortersatz, Wohngemeinschaft, Beratungsangebot, Erziehungshilfe, Familienentlastung, Einzelfallhilfe und Pflegedienst.
Man kann dann einen Strich darunter ziehen und sagen: das sind die Leistungen der Lebenshilfe Cottbus.
Oder man sagt es in einem Satz, der sich auf Ihrer Webseite findet
Sie haben nicht gewartet, bis die Gesellschaft sagt: „Integration, Inklusion und Selbstbestimmung ist ein Recht.“
Sie haben sich das Recht einfach genommen. Sie haben es mit Leben erfüllt.
Wir leben nicht in einem Wunderland.
Deshalb haben Sie auch nicht gewartet, bis ein Wunder geschieht.
Sie haben selbst eines vollbracht.
Dafür gehört Ihnen große Anerkennung.
Ich beglückwünsche Sie zu diesem Jubiläum und zwanzig lange Jahre beeindruckende Arbeit.
Ich danke Ihnen.




